Der Tod wog 525 kg!

Gestern habe ich fast genau zur selben Uhrzeit die Landstraße an der Stelle mit dem Pkw durchfahren, an der mich vor vielen Jahren der Tod begegnete. Es war Mitte September 1998. Ein kühler, regnerischer Abend. Plastisch wie in einem Film kommt die Erinnerung: Die Dusche nach dem Tischtennis-Training umgibt mich mit Wohlbefinden und zufrieden schlürfe ich an meinem Bier-Cola-Mix. Neidisch schaue ich am Tisch im Sportheim auf meinen Sportkameraden.  Dem läuft gerade die goldgelbe Flüssigkeit eines echten Weizenbiers die Kehle herunter, ich fühle förmlich den Geschmack meines Lieblingsgesöffs auf meiner vom Cola-Mixgetränk enttäuschten Zunge. Nun ja, zucke ich unbewusst mit der Schulter, ich muss ja noch mit dem Auto nach Hause fahren. 15 Kilometer können sich auch schon bei einem Null-Fünfer Weizen als zu viel erweisen. Und mein weizengenießender Nachbar wohnt im Ort, er kann’s sich leisten. Ich schaue meinen Sohn an, seine 12-jährigen Augen wirken müde. „Wir fahren, wenn du deine Cola ausgetrunken hast,“ erbarme ich mich, „du hast morgen Schule!“ Kurz darauf verabschieden wir uns mit lautstarkem Tschüs.

Wir steigen in das Auto gegen 22 Uhr. Der Parkplatz vor dem Sportheim ist dunkel und der leichte Nieselregen macht die ganze Umgebung irgendwie ungemütlich. Ich lasse mich genussvoll in das dunkle Lederpolster gleiten, der Wagen ist so ziemlich nagelneu, keine 6000 km gelaufen. Mein erster Passat nach einer langen Golf-Ära. Die knapp 180 PS brummen kaum hörbar, als der Wagen anruckt und sich die Scheinwerfer ins tiefe Schwarz vortasten. Der kleine 1000-Seelenort ist nur wenig beleuchtet, die Straßen fast leer. Wir erreichen die Landesstraße, die nun stets bergab über knapp 6 km in die nächste Ortschaft auf die B8 führt. Wir passieren eine längere Waldschneise, die ich unzählige Male immer unter Obacht passiert habe, denn Wildwechsel geschieht hier häufig. Auch jetzt zittert die Tachonadel nur so knapp um die 80 herum. Urplötzlich sind beidseitig der Straße die Bäume verschwunden und weite Felder ermöglichen die Sichtung kleiner Lichtpunkte am Horizont. Sie verraten die umgebenden Ortschaften. Das Gefälle der Straße wird etwas größer, zu beiden Seiten der Straße bauen sich nun deichartig gebaute, gut 3 Meter hohe Hügel auf. Ich weiß natürlich, dass nun eine S-Kurve kommt. Man kennt da fast jeden Quadratmeter Asphalt, weil man diese Strecke schon viele Jahre lang durchfahren ist. Doch diesmal kommt alles anders. Erst am nächsten Tag werde ich in der Autowerkstatt feststellen, dass die Digitaluhr im Armaturenbereich des Wagens genau 22:21 anzeigt und so stehen blieb. Das war wohl exakt die Crashtime, die uns fast zur Minute Null wurde!?

Ich durchfahre den ersten, oberen Teil der langen S-Kurve. Bei Einsicht in den zweiten Kurventeil bleiben mir weniger als 3 Sekunden. Die Worte „Ach du Scheiße!“ verlassen noch meine Lippen, dann machen mein Sohn und ich die erste Begegnung mit der unheimlichsten Art, – dem Tod! Ich erkenne zwei Scheinwerfer eines Autos auf der Gegenseite, vielleicht 100 Meter entfernt. Gleichzeitig sehe ich sie. Sie steht auf meiner Fahrbahnseite, quer zu meinem heraneilenden Passat, den Kopf zu uns gerichtet. Ich halte das Lenkrad gerade aus und voll auf sie zu. Bei der Vollbremsung sehe ich in ihre Augen, als sie von der abgerundeten Unterseite des Kühlergrills meines Passats hochgehoben und auf die Frontscheibe an der Beifahrerseite geworfen wird. Ihr Fleisch drückt alles weg und ein undefinierbares Geräusch wie eine Soundmixtur von krächzenden Raben, knirschendem Blech und scheppernden Glassplittern erfüllt die Luft. Sie rollt über uns ab und öffnet das Dach vom Passat wie eine Fischdose von der Front- bis zur Heckseite. Dabei durchschlägt sie auf der Fahrerseite mit einem ihrer Beine die Windschutzscheibe und trifft mich am Mund, was ich aber erst später aus blutigen Geschmacksgründen feststellen werde. Einem dumpfen Aufschlag folgt ihr Aufschrei mit einem Brüllen.

Dann kehrt Totenstille ein, denn auch der Motor meines silbernen Passats, inzwischen zum Cabrio mutiert, schweigt. Ich versuche im blau leuchtenden Licht der Armaturen meinen Sohn zu erkennen, der sich beim Aufprall vor den Sitz nach unten gedrückt hat und stelle erleichtert seine Unversehrtheit fest. Gottlob, die Tür geht auf, denke ich und ziehe mich aus dem Polster. Mein Blick geht zuerst nach vorne, der linke Scheinwerfer ist noch aktiv. Ich sehe benommen, wie im Nieselregen viele kleine Elementarteilchen vor dem Licht tanzen und bewege mich nach hinten zum Heck des Fahrzeugs. Dort leuchten noch die Rücklichter. Es ist ein unheimliches Rot, Beklemmung überkommt mich. Das rote Licht verstärkt noch die Farbstruktur der riesigen Blutlache, in der eine  Fleischmasse von 525 kg zuckt. Es ist der Körper einer großen Kuh, deren Leib seitlich fast einen Meter lang durch das abgerissene Autodach aufgeschlitzt wurde.

Die inzwischen eingetroffenen Personen um mich herum nehme ich nicht mehr so richtig wahr, lediglich meinem Sohn, der am Straßenhügel neben mir im feuchten Gras Platz genommen hat. Ich streichele ihm durch das Haar und schaue zum Himmel. „Schade, dass man keinen Stern sieht,“ flüstere ich ihm leise zu, „da oben gehört sicher jedem von uns ein Stern und ich bin sicher, unsere beiden da oben sind echte Glückssterne!“

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Über berni43

Baujahr 1943 ABI 1961 Diplom (Ing) 1965 Studium BWL (PBW) 1981 Prom. 2009 Leitender Dipl.Ing. ab 1971 Freiberuflicher Ing. ab 2008 Promo Holograph Laser-Systems UoC (USA) 2009 Technical Advisor SONY-Group TOKIO 2010 STRAWFISH-Group BERLIN ab 2011 Spezielle Media Holografie/3D ab 2012 Spezialist Kommunikation, Mediator, Schulungsleiter Präsentationen, Technical Advisor Group Holografie
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