Sie nannten ihn BigMac!

Ich bin dicht dran den Klappwecker mit einem Handwischen in die äußerste Ecke  zu befördern, denn ich bin todmüde und das Ding rappelt um halb Vier in der  Früh‘. Doch schnell fällt mir schlaftrunken ein, heute ist Fischfangtag! Um Vier will der Kutter auslaufen, also sputen und hoch von der Matratze. Schnell noch einen Pott Kaffee

reinziehen, ein hartes Krustenbrötchen von gestern durchkauen,  blaue Shorts und oranges Camp-Shirt überziehen und zack: 20 Minuten später stehe  ich zwar am Kai, bin aber dennoch spät. Ein toller Kahn, gefällt mir, sieht  vertrauenswürdig aus, dieser Trawler. Harald ahnt, was ich denke und grinst. Er  ist ein Baum von einem Mann, seit Tagen freut er sich auf diesen Trip. Aber  jetzt fällt mir auf, dass etwas nicht stimmt. Wir hatten uns mit 8 Mann aus dem  Camp angemeldet, aber neben Harald ist nur noch Lutz da. Dafür eine erheblich  größere Fischercrew als noch gestern angekündigt. Was war los? Harald erläutert  es mir kurz und bündig: Die südafrikanischen Fischer haben gestern Abend vor der  Küste den Big Mac gesichtet und den gebuchten Fischertrip abgesagt. Drei könnten  mitfahren, so wurden die Teilnehmer ausgelost, neben Harald und Lutz traf es so  auch mich. Ich weiß trotzdem nicht, ob das mich freut oder nicht und ich murre:  Wer, um Himmels Willen, ist denn Big Mac? Lutz hat die Pointe: Wir mimen  Spielbergs Weißen Hai nach!

Keine weitere zehn Minuten tuckern wir gen horizontlose Meeresweite und ich  frage mich, ob das hier teilzunehmen eine gute Idee war. Standardisierter  Fischfang, so wie ich ihn schon als kleiner Junge damals an der Nordsee erlebt  habe und wo wir Krabben bis zum Abwinken puhlen und futtern durften, ist für  mich durchaus erstrebenswert. Aber eine Haifischjagd? Letztendlich auch, um  einen speziellen Weißen Hai abzuschlachten, nur weil diese Spezies als Mörder  verschrien ist? Von Leuten, die am Abschlachten Spaß finden?

Wir werden in die Mitte des Schiffes verbannt. Abgesehen davon, dass bei mir  inzwischen schon Minute auf Minute der Spaß an diesem Ausflug verloren geht,  schenkt uns die Crew kaum mehr Beachtung. Ich hocke ein wenig teilnahmslos auf  der Sitzplanke an einem schmalen, bodenbefestigten Tisch. Lutz, der Junior unter  uns, ist aufgekratzt. Seine Augen glitzern unter dem Schlapphut hervor,  irgendwie kommt in mir bei seinem Anblick der Gedanke an Indiana-Jones auf. Wir  kreuzen noch immer in Sichtweite zur Küste, drei Mann tasten mit Ferngläsern die  wenig bewegte Meeresoberfläche ab. Inzwischen geht es Harald gar nicht gut,  seine blaugrüne Farbe um glasig wirkende Augen verrät nichts Gutes. Seekrank? In  der Tat, – Harald hat sich über die Reling gebeugt und rotzt Teile seines  Frühstücksmüsli ins dunkelblaue Gewässer. Ich stell‘ mich gleich bei, murrt Lutz  und deutet auf das Handling zweier Schwarzer, die blutige Stoffbeutel in das  Meer versenken. Die Dinger muffeln furchtbar, ich gehe zum Schiffsheck, um dem  Gestank zu entkommen. Der Kapitän, ein weißer Typ Mitte 40 mit Tagesbart, winkt  uns lässig von der Brücke oben zu und grinst, als ich ihm unmissverständlich per Nasezuhaltezeichen mein Empfinden klar mache. Keine 20 Minuten später werden wir  von den ersten Haien umkreist und einer, knapp einen Meter lang, wird per Angel  zuerst an die Schiffseite und dann an Bord gezogen. Kaum richtig tot, wird er  bäuchlings mit einem Messer a`la Crokodile-Dundee aufgeschlitzt, kurz darauf  werden ihm schon die Flossen entfernt. Ich weiß nicht, was in mir mehr aufkocht,  der Ekel oder der Hass auf diesen Messer-Joe dort.

„Big Määäääääääääc!!!“ hallt es lautstark von Achtern und Hektik entsteht auf  dem Kahn. Lutz deutet mit seinem Arm in eine Richtung, ich sehe allerdings  nichts. Noch nicht! Am Bohlentisch hängt etwas quer unser Bomber Harald, zur  Zeit mit der Kraft eines Kolibries. Als er aufsteht, um selbst etwas zu sehen,  erwischt es ihn wieder. Sein Magen drückt ihm wieder halbverdaute Teile nach  oben, während er zur Entsorgung an die Reling eilt. Ich stehe neben ihm und  halte meinen Arm um seine Taille, der Sicherheit wegen. Dann aber sehen wir ihn  beide zur selben Zeit, keine drei Meter vom Schiff entfernt: Der weiße Hai. Unheimlich schön, Hölle und Himmel in einer Kreatur vereint!
Mich schaudert es etwas, dennoch überwiegt bei mir die Faszination. Da gleitet  nicht nur einer der besten, sondern auch ältesten Jäger der Welt durch die  Fluten. In Höhe des Hecks taucht er wendend ab, erscheint aber sogleich wieder  knapp unter der Oberfläche des Meeres. Ich sehe seitlich vorne am Schiff vier  Männer, die eine mächtige Angel in die Stellnische am Boden fixieren.  Gleichzeitig rasselt die Drahtschnur mit Köder ins Wasser, ein gut 10 cm großer  Vierzack versteckt sich unter einem Bündel rohen Fleisches. Ich kann nicht  verstehen, was sich die Männer alle im wilden Durcheinander zurufen. Zwei  weitere Typen, mit Widerhaken-Speere sind dazu gekommen, einer von ihnen wirft  noch einmal im hohen Boden Blutbeutel ins Meer. Kurz darauf sehe ich Big Mac erstmalig in Front. Ich erstarre fast zur Salzsäure, als er seine oberen und  unteren Zahnreihen aus dem Wasser schiebt und die Nasenseite in den Himmel  streckt. Als ihn ein Hakenspeer trifft und eine Drahtkordel in Bewegung setzt,  taucht er ab, das Wasser schäumt sich blutrot auf. Ich denke, dass der bestimmt 4-5 Meter lang ist. Big Mac ist nicht nur ein blöder Name, sondern auch eine mächtige Untertreibung. Für uns war’s das dann  schon. Hart und sachlich werden wir hoch zur Brücke geführt, am Schiffsrand  haben wir nun nichts mehr zu suchen. Harald steht das Entsetzen noch im Gesicht,  als Big Mac 3 Meter vor ihm das Maul öffnete, hatte sein Magen jegliche weitere  Tätigkeit eingestellt. Hingegen strahlte Lutz, denn die Kamera seines Handys war  rechtzeitig einsatzbereit.

Mann, hau‘ doch ab, tauch‘ in die Tiefe und lass‘ dich hier nicht mehr blicken!  Doch dieser Wunsch meiner Gedanken geht nicht in Erfüllung. Ich sehe mit  Entsetzen, wie dieser Gigant bereits den dritten Fleischbeutel verschlingt, zwei  der drei fingerdicken Drahtseile schneiden ihm tief ins Maul. Nach gut 10  Minuten haben sich weitere Hakenspeere in den Leib gefressen, bald klatscht der  gesamte Körper gegen die Seitenwand des Schiffes. Man hat vorher ein  grobmaschiges Netz an der Bordwand abgelassen, zwei Winden ziehen nun an den  Außenenden vom Netz, so dass der Hai zwar noch im Wasser, aber fast bewegungslos  festgezurrt ist. Nach dem der Hai mit weiteren Seilen gesichert wird, nimmt der  Kutter Fahrt auf, es geht zum Heimathafen. Big Mac haucht sein Leben aus.

Kurz nach 10 Uhr. Lutz, Harald und ich stehen an der Seite und starren in die  Augen von Big Mac. Es sind tote Augen, obgleich ich in ihnen nicht erkennen  kann, ob da noch Leben existiert. Der Hai hat sein Maul nicht ganz geschlossen,  im Schlund steht eine Lache von rotem Meerwasser, der unheimlich große Körper  schlägt durch die Wasserbewegung immer wieder dumpf gegen den Schiffsrumpf. Eine  große Menschenmenge steht gaffend im Hafen und relativ schnell hat man die Beute  auf den Kai gehoben. Wir dürfen beim Aufhängen des Opfers helfen, mit dem Kopf  nach oben wird er hängend vermessen: 4,26 Meter. Der Kapitän kommt und spricht  ein paar Lobensworte an seine Crew. Auch uns erwähnt er als „tapferen Beistand“. Inzwischen ist mir schlecht. Irgendwie fühle ich mich
am am Tode dieses Tieres  mitschuldig. Lutz meint noch, dass die für das Prachtexemplar `ne Menge Kohle  bekommen. Einer der Crewmitglieder stellt sich unter den Hai und steckt seinen  Kopf in das Maul. Blitzlichter erhellen die Umgebung. Los Big Mac, denke ich,  schnapp zu! – Mir wär’s egal gewesen!

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Über berni43

Baujahr 1943 ABI 1961 Diplom (Ing) 1965 Studium BWL (PBW) 1981 Prom. 2009 Leitender Dipl.Ing. ab 1971 Freiberuflicher Ing. ab 2008 Promo Holograph Laser-Systems UoC (USA) 2009 Technical Advisor SONY-Group TOKIO 2010 STRAWFISH-Group BERLIN ab 2011 Spezielle Media Holografie/3D ab 2012 Spezialist Kommunikation, Mediator, Schulungsleiter Präsentationen, Technical Advisor Group Holografie
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