Ein Hund namens Bandito!

Nachdem uns die geschotterte Carretera Austral genug durchgerüttelt hatte, so dass uns Angst und Bange war, dass im hart gefederten F450 sämtliche Navis in Streik gehen und ihre Arbeit aufgeben, huschte endlich das Ortsschild von Cochrane im dichten Regen an uns vorbei. Es ist der laut Karte größte Ort mit knapp 3000 Einwohnern in dieser wunderschönen, aber scheinbar von Gott und allen seinen Engeln verlassenen Gegend. Den in der Nähe liegenden Lago lassen wir aus, wer weiß, ob Federico noch die Geduld aufbringt, auf uns vor Caleta Tortel zu warten. Immerhin sind wir schon eine Stunde in Rückstand. Und um die am Lago lebende Hirschart zu sehen, den seltenen Huemul, – nee, das reißt mich nicht gerade vom Hocker! Ich bin irgendwie schlecht gelaunt. Die ganze Tour läuft nicht so ab, wie ich mir das dachte. Zu viel Schwierigkeiten, zu wenig Pausen und Aufenthalte, die Hast stiehlt mir die Lust am abenteuerlichen Erleben. Und dann dieser stetige Regen. Fabian wurstelt mit seinem Spanisch und gestikulierenden Fingern vor einem Einwohner herum, schließlich kriegt er heraus, wo sich hier im Ort die wohl scheinbar einzige Tankstelle befindet. Nach dem Abkassieren stellen wir fest, dass diese bestimmt die Teuerste in ganz Chile ist. Eine Stunde später, am Abzweig nach Tortel, 80 Kilometer vor Villa o’Higgins, sehe ich den grauen Pickup von Federico am Straßenrand.

Federico hat früher als Techniker in Deutschland gearbeitet und gehörte zum Stamm einer unserer großen Kunden. Als er wieder in sein Land zurück kehrte, versprach ich im Falle eines Chile-Trips ihn zu besuchen. Ich vereinbare mit meiner Truppe einen Treffpunkt morgen Abend in Puerto Yungay und fahre mit Federico weiter nach Tortel. Ich verbringe einen schönen Abend bei seiner Familie. Am Morgen nach dem Frühstück sehe ich, dass es nicht mehr regnet. Caleta Tortel hat einen kleinen Flugplatz. Gerne wäre Federico mit mir zu einem Rundflug gestartet, aber die Wolken hängen tief, man sieht nichts aus der Luft. Die ganze Nacht hat es wie aus 1000 Eimern geschüttet. Beim Mittagessen höre ich, dass die Straße nach Yungay überschwemmt und für Fahrzeuge unpassierbar sei. Himmel, denke ich, wie komme ich denn nun zur Truppe und zur Fähre nach Puerto Yungay? Federico teilt mir mit, nur per Bike könnte ich über Trampelpfade jenseits der Straße die Fähre erreichen. Ferner sagt er mir, dass die letzte Fähre über den Mitchell-Fjord nach Rio Bravo ab Yungay um 18 Uhr geht. Er führt mich in seinen Schuppen neben dem Haus. „Mein Enduro-Werkzeug“, grinst er, ich stehe vor einer alten Yamaha DT50 mit kleinem Schnallsitz über dem Tank. 80er Baujahr, grunzt er zufrieden und bemerkt, dass es sein bestes Stück wäre. Ich ahne, was er vorhat und teile ihm die Bedenken mit, dass ich den Weg nie finden würde. Doch, überzeugt er mich, der Pfad ist eindeutig sichtbar, nur bei der 2. Küstenberührung sollte ich aufpassen. Dort müsste ich das Bike einen Kilometer schieben und über Wiese, Geröll und Felsen die richtige Strecke gehen. Dafür würde aber Bandito sorgen, der kennt den unübersichtlichen Weg. Ich bin begeistert eine Führung mitzubekommen, aber wer ist Bandito und wo lasse ich das Bike, sofern ich die Fähre in Yungay jemals erreiche? Eine Stunde später bin ich aufgeklärt, bebrillt und behelmt und sitze begeistert, aber völlig überrascht und abenteuerlich auf der DT50-Cross. Let’s go!

Bandito ist ein Australian-Shepherd, mit einem Fell wie ein Collie und offensichtlich schon oft vom Cross-Enduro geprüft. Er brummt vor sich hin, als ich starte. Scheinbar merkt er, dass ich die Yamaha doch nicht so perfekt beherrsche wie sein Herrchen Federico. Der winkt mir nach: Das packst du! Ich presche einen sich mir gleich zu Beginn in den Weg stellenden Anhang hoch, der Hund murrt schon wieder brummend. Na, das wird was werden, denke ich mir. Ich stelle mir einen Seitenspiegel so ein, dass ich Bandito von vorne sehen kann. Ulkig sieht er aus, denn auch er ist mit Schutzhelm und –brille bespickt. Sein hellbraunes Fell weht in der feuchten Luft hin und her und erinnert mich irgendwie an einen Teppichhändler. Nun ja, ich mag Hunde und schnell wird er zu meinem Kumpel. Nach den ersten schwierigen Kurven und schmaler Fahrstreckenbreite gewöhne ich mich an das Gerät, anfangs waren wir fast zweimal gestürzt und einen Hang herunter gedriftet. Bandito, das bemerkte ich sofort, stand jeweils direkt vor dem Absprung. Nach gut einer Stunde kommt mir, ich will meinen Augen nicht trauen, ein Globetrotter entgegen. Ein Belgier, wie ich erfahre, der aus Puerto Yungay kommt und dem man diese Route empfohlen hatte, weil die Straße der Carretera überschwemmt ist und auch ein Durchkommen mit seinem Montain-Bike nicht mehr zulässt. Als wir uns gutes Weiterkommen und ein lockeres Bye zurufen, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er mich schon wegen Bandito auf dem Tank irgendwie für verrückt gehalten hat. Die Strecke wird zunehmend komplizierter, mal mit toller Fernsicht, wenn die Wolken gerade aufreißen, dann wieder an kalten Felswänden mit wechselndem harten und weichen Untergrund. Nach zwei Stunden in absoluter Stille und Einsamkeit, 15 Minuten hatte ich uns beiden eine kleine Pause gegönnt, sehe ich wieder Wasser vor uns. Der Mitchell-Fjord macht keinen gemütlichen Eindruck, im Winter muss das hier ja wohl das Reich der Eiskönigin sein. Abgesehen davon, sieht hier vieles wie im Märchen aus. Wie hat eigentlich der Montain-Biker die Strecke gefunden, geht es mir heftig durch den Kopf, als der Pfad am Felsplateau gut 50 Meter über dem Fjord abrupt endet? Bandito springt vom Sitz und setzt sich vor mir hin. Das kenn‘ ich aus der Heimat, der erwartet ein Leckerchen.  Wie es mir Federico aufgetragen und gegeben hat, ich schiebe ihm ein undefinierbares Klümpchen in die Schnauze und stoße ein etwas unbeholfen klingendes, dennoch aber deutlich beherrschendes ‚Ala!‘ aus. Zu meinem Glück rennt Bandito nicht los, sondern läuft brav gut 2 bis 3 Meter vor mir her, so dass ich mit dem Schieben der Maschine über Stock und Stein ohne besondere Mühe nach komme. Manchmal zweifele ich über die Richtung, die Bandito einschlägt, aber ich habe die Rolle des Hundes übernommen und ‚folge nunmehr brav meinem Rudelführer‘. Als ich strauchele und mir das Vorderteil der Yamaha auf den Buckel fällt, bleibt Bandito stehen und setzt sich schließlich, um meine Einsatzbereitschaft abzuwarten. Ich habe den Eindruck, dass der Hund den Kopf geschüttelt hat, meine schlechte Laune erreicht mich wieder. Es ist kurz nach 16 Uhr, als Bandito plötzlich einen Hügel hoch rennt und mehrmals bellt. Ich brauche fast 10 Minuten, bis auch ich die Anhöhe erklommen habe. Dann sehe ich es unter mir: Puerto Yungay, das 300 Seelendorf mit der einzigen Fähre. Jetzt erfüllt Stolz meine Brust, das erste Lob erhält natürlich Bandito wieder per Leckerchen. Er bleibt neben mir sitzen und ich begreife: Er will wieder aufsitzen. Ich platziere bei ihm wieder Helm und Brille, wenn schon, so meine ich, fahren wir da so rein wie wir gereist sind. Der Pfad mündet in eine Schotterpiste, kurz darauf sind wir da.

Puerto Yungay ist eigentlich nicht mehr als eine Art chilenische Militärsiedlung und einem großen Camp voller Straßenbauer. Wie ich später aufgeklärt werde, wird hier der Anschluss an den Montt-Gletscher gebaut, um den Anfang zum Anschluss an Puerto Natales herzustellen. Auch sind wohl weitere Fähren im Ausbau geplant, der Ort hat also einiges für den späteren Tourismus vor. Neben wenigen Hütten von Einheimischen, die hier bestimmt nicht wohnen, gesellen sich einige Cabanas, die als Notunterkünfte für Touristen dienen. Die meisten von denen, auch meine auf mich wartende Kumpels, haben ihre Fahrzeuge und Zelte am langen Schotterstrand unweit der Anlegestelle der Fähre aufgestellt. Vorher frage ich mich nach einem ‚Capitano Fransisco Fogon‘ durch, laut Federico nimmt der Bandito, den ich inzwischen sehr ins Herz geschlossen habe, und ebenfalls die immer einsatzbereite alte Tante Yamaha auf. Nachdem mir einige Küsschen von Bandito den Abschied nicht gerade einfach gemacht haben, erreiche ich meine Truppe am Strand. Die hatten sich schon für den Fährentransfer angemeldet, denn es geht nach dem Gesetz ‚Wer zuerst kommt …‘ Wer aber mit auf die Fähre will, muss dennoch über Glück und Improvisationstalent verfügen, denn alle öffentlichen Verkehrsmittel und Busse haben Vorrang vor Privatwagen. Mehr als zwei oder höchstens drei Autos passen kaum auf die Fähre. Jedenfalls sind wir um 18 Uhr mit drauf und dabei.

Von Rio Bravo am namensselben Fluss geht’s weiter gen Villa O’Higgins, unserem eigentlichen Ziel. Von dort aus haben wir eine dreitägige Trekking-Tour geplant, sofern uns nicht das hier stets unberechenbare Wetter ein Strich durch das Logbuch macht. Auf dem Weg gen Süden nach Higgins winkt uns ein Trekker zu. Der Österreicher hat Probleme mit seinem Knöchel, er will noch bis El Chalten runter, sein Laufvermögen ist allerdings alles andere als rosig. Nun ja, bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt. Wir schmeißen seine Package ins Auto, er findet hinten auch noch Platz. Villa O’Higgins, ein Dorf, das man richtig per Straße erst seit 1999 erreichen kann. Wobei das Wort Straße nicht einmal mit den Eigenschaften einer kleinen Landesstraße in Deutschland mithält.

Das Wetter wird zunehmend freundlicher, zwar noch bewölkt, aber kein Regen. Typische Wälder aus Sumpflandschaften, insbesondere Farnwälder, umgeben uns. Nicht selten kriegen wir auch eine gute Aussicht auf ferne Bergketten, vor allen Dingen Gletscher. Villa O’Higgins ist das südlichste Dorf an der Schotterpiste Carretera Austral. Hier ist sie zu Ende, ohne Fähre oder für Militärbeauftragte ohne Hubschrauber geht es hier nicht weiter. Und für Trekker: Hier muss man sich erst mal durchkämpfen, Geduld und keine Hast sind die Trümpfe hier. Für Montain-Biker, Reiter und Wanderer existieren hier eine Menge Pfade, ein Wasserfall folgt dem anderen, der Glaube an eine fremde Welt erscheint nahe. Morgen geht’s per piedes weiter, im Campanario-Hotel lassen wir unser Fahrzeug stehen. Abends denke ich lange an Bandito, gerne hätte ich ihn bei mir.

Viva Chile!

 

 

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Über berni43

Baujahr 1943 ABI 1961 Diplom (Ing) 1965 Studium BWL (PBW) 1981 Prom. 2009 Leitender Dipl.Ing. ab 1971 Freiberuflicher Ing. ab 2008 Promo Holograph Laser-Systems UoC (USA) 2009 Technical Advisor SONY-Group TOKIO 2010 STRAWFISH-Group BERLIN ab 2011 Spezielle Media Holografie/3D ab 2012 Spezialist Kommunikation, Mediator, Schulungsleiter Präsentationen, Technical Advisor Group Holografie
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