Indect Goes On !

Eigentlich haben sie es alle gut gemeint. Ich meine dabei insbesondere alle klugen Köpfe in Europa, angefangen vom Techniker bis hin zu den Kommunikationsspezialisten und nicht zuletzt auch viele Politiker, die das Projekt INDECT seinerzeit aus der Taufe gehoben haben und nun am Ziel angekommen sind. Sie alle wollten natürlich nur das Beste für die Bürger ihres Volkes: Schutz vor Verbrechen allgemein und vor allem Schutz vor dem internationalen Terrorismus. So ähnlich lauten auch wörtliche Zitate von Andrzej Dziech, Indect-Koordinator der UNI-Warschau, der sich vom europäischen Bürger völlig missverstanden fühlt.

Der Datenschutz-Taskforce-Berlin, eine privat initiierte Gruppe von IT-Freaks und Ingenieuren, von denen einige unmittelbar im Zulieferbereich von technischer Ausrüstung unter anderen auch mit dem Projekt INDECT verbunden sind und aus diesem Grunde sehr gute Infoquellen ihr Eigen nennen, ging vor einigen Wochen die Mitteilung über den Abschluss der Testphase zu. Die aus Wien und Grenoble fast gleichzeitig eingetroffenen Informationen zeigen an, dass sich INDECT eindeutig auf der Zielgeraden befindet.      

Unzählige Tagungen und Workshops, massenhaftes IT-Brainstorming und immense Versuche jagten sich von der einen zur anderen Orga. Die erste Priorität: INDECT soll nicht wie bei alten System nachzuprüfen imstande sein, wer das Kind in den Brunnen geworfen hat, sondern den Bösewicht vor seiner Tat erkennen, ihn identifizieren und stellen. Eine nicht einfache, aber dennoch lösbare Aufgabe im Zeitalter totaler Datenvernetzung durch Internet und Stammdatenspeicher.

Enttäuschend für die INDECT-Lobby: Ein Aufschrei, insbesondere zwischen 2011 und 2012, ging durch einen Großteil der Medien und Bürger. Und sogar einige skeptisch gewordene Politiker mahnten an: „Big Brother is watching you“. Das von der EU mit 15 Mio. finanzierte Projekt INDECT wurde plötzlich aus dem Blickwinkel der Bürger weniger als Schutz, sondern vielmehr als Bedrohung und Angriff auf ihre Privatsphäre angesehen. Das kam wohl scheinbar völlig unerwartet und überraschte die Macher um INDECT. Doch beirren ließen sie sich davon nicht. Nicht alles, was sehr gut ist und der Staatssicherheit dient, kann vom Bürger realistisch eingeschätzt werden. Die gleichzeitigen Proteste der Völker gegen ACTA und gegen eine Vorratsspeicherung im Allgemeinen kamen da ganz Recht: Das Projekt INDECT tauchte erst einmal ab und umhüllte sich 2013 gegenüber den Medien in Schweigen. Denn dass man in Polen bei der Fußball-EM die ersten Anwendungstests mobil und stationär per Boden und in der Luft mit Erfolg durchführte, blieb nicht allen Unbeteiligten verborgen. Stetiges Schweigen und weder etwas dementieren oder bestätigen, zahlte sich schnell aus: Dem Projekt INDECT wurde nicht mehr so permanent auf die Füße getreten.

Jetzt nun hat die Eierschale des Projekts schon Risse, INDECT schlüpft langsam aus und mutiert zum System. Europaweit. Mitte Dezember kam eine Mail aus französischen UNI-Kreisen, die sich auf einen technischen Bericht aus Polen stützt: Die primären Funktionen um INDECT sind völlig einsatzbereit, INDECT kann funktionell in die „umschließenden Vernetzungen“ involviert werden, so dass ein Start vorbehaltlich für den 1. Juli 2014 zu bestätigen ist. Was auch immer unter dem Begriff einer umschließenden Vernetzung gemeint ist, INDECT hat scheinbar das Finale erreicht. Den Termin bestätigt inzwischen auch die Internetseite CORDIS.EUROPA.EU und die muss es mit Sicherheit genau wissen.

Bereits im Frühjahr 2013 wurde Prof. Andrzej Czyżewski von der TU Danzig, der zu den leitenden Wissenschaftlern vom Projekt INDECT gehört, von mir um ein Interview und Auskunft gebeten, wie weit der Stand der Entwicklung um INDECT sei. Der Professor zog es vor, die in seiner Sprache gestellte Anfrage völlig zu ignorieren. Heute scheint klar, bereits seinerzeit war INDECT in den Tests weit fortgeschritten. Dass zwei nahestehende technische Mitarbeiter im europäischen INDECT-Team diese Merkmale telefonisch für die Öffentlichkeit bestätigten, war für viele Beobachter nicht mehr verwunderlich.

In den letzten Monaten vor Jahresende 2013 wurden auch die Angaben auf der offiziellen Indect-Website immer konkreter. Dass hier durchaus eine unverhältnismäßige Überwachung des einfachen Bürgers droht, wird sogar eingeräumt, aber als notwendig befunden. Inzwischen beruft man sich darauf, dass „es sich bei INDECT um eine zentrale, automatisierte Technik der Überwachung in Bild und Ton des gesamten öffentlichen Raums“ handelt, die in der Lage ist, sämtliche Sicherheitsrisiken zu erkennen und zu vereiteln. Freilich, der Hinweis auf einen Zugriff jeder Art zur Strafverfolgung, fehlt. Denn wenn ein implantiertes System wie INDECT sogar Fußgänger, Kraftfahrzeugführer und Fahrradfahrer zu identifizieren vermag, die eine rote Ampel missachtet haben, dann tut sich schnell ein Auge bei vielen Ordnungsämtern und Polizeibehörden auf.

Ja, INDECT kann sehr viel, wenn es auf alles Zugriff hat und ermöglicht, dass man dem Bürger XYZ nachweisen kann, dass er vor 2 Jahren auf einem Bahnhof mit anderen Personen in Streit geriet und er von einem System aufgrund seines Verhalten durch spezielle Analysen als abnorm und gefährlich eingestuft wurde, wonach er heute dann auch beurteilt wird. Und wer durch das geöffnete Fenster seiner Wohnung nach draußen in die herrliche Sonne schaut und einen kleinen Vogel gegenüber auf der Dachrinne sitzen sieht, muss damit rechnen, dass dieser Vogel nicht von der Natur, sondern von Menschen geboren wurde. Niemand kann sich in einer Menschenmenge verstecken, denn die Kamera jeder Top-Drohne arbeitet auch hervorragend in luftigen Höhen und die Scanner finden schnell den Besitzer jedes Gesichtes. Die Audiosysteme von INDECT sind besonders grandios: Da können sogar Konversationen von Personen hörbar mitgeschnitten werden, die sich während eines Fußballspiels bei einem Torjubel inmitten der Fankurve befinden.

INDECT ist als EU-Sicherheitsforschungsprojekt nach Angaben der Macher wohl absolut erfolgreich verlaufen. Alle beteiligten Wissenschaftler, Firmen und Universitäten wollen nach erfolgreichen Tests in Polen, Österreich, in der Schweiz, Deutschland und vor allen Dingen in Irland ihr Projekt als System bei den europäischen Polizeibehörden integrieren. Was Deutschland in Sachen INDECT angeht, so stehen hier vorrangig die deutschen Firmen InnoTec-DATA und PSI-Transcom parat, ebenso die  Bergische Universität in Wuppertal.  

Auch dieser Bericht über INDECT wird von INDECT schnell gefunden sein, denn im Abschlussbericht der erfolgreichen Testanalysen steht auch der Punkt: „Blog Analyser“. Das ist eines der Werkzeuge von INDECT und dient zur Analyse Sozialer Netzwerke in der sogenannten „Blogosphäre“.

Oder das Werkzeug „abclog“, welches die Suche im Internet nach IP-Adressen auffälligen Usern zuordnet und sortiert. Das Abschlussdokument ist öffentlich, was dem Bürger blüht, ist auf der offiziellen Internetseite von INDECT schon  nachzulesen.

Die grundsätzliche Problematik digitaler Überwachungsplattformen vom Ausmaß eines INDECT ist aber scheinbar zu wenig thematisiert, denn solche Projekte wie INDECT wollen eine größtmögliche Anzahl weiterer „Sensoren“ einbinden, etwa Mikrofone, Infrarotkameras, RFID-Lesegeräte, das Internet oder auch lokalisierte Telefone auf diversen PLattformen. Eine solche Gefährlichkeit von Akteuren im öffentlichen Raum mathematisch zu bestimmen, erfordert aus datenschutzrechtlicher Perspektive die Offenlegung der Funktionsweise eingesetzter Software. Niemand hat das aber bei INDECT bisher eingefordert. Das Bekanntmachen solcher Software wie Data Mining wird jede Softwareschmiede ablehnen. Wer regelt die Rechtsprechung nun, wenn sicherheitsindustrielle Verwertungsinteressen einer zu schützenden Privatsphäre absolut unversöhnlich gegenüberstehen?

Wie auch immer. INDECT wird demnächst unter und mit uns sein. Nach einer Umfrage ist das mehr als 70% der Bevölkerung „wurscht“! Das ist meiner Auffassung nach fast noch schlimmer als INDECT selbst!

Ein neues „sprachloses“ Video über INDECT zum Nachdenken ist bei YOUTUBE hier zu finden.

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Über berni43

Baujahr 1943 ABI 1961 Diplom (Ing) 1965 Studium BWL (PBW) 1981 Prom. 2009 Leitender Dipl.Ing. ab 1971 Freiberuflicher Ing. ab 2008 Promo Holograph Laser-Systems UoC (USA) 2009 Technical Advisor SONY-Group TOKIO 2010 STRAWFISH-Group BERLIN ab 2011 Spezielle Media Holografie/3D ab 2012 Spezialist Kommunikation, Mediator, Schulungsleiter Präsentationen, Technical Advisor Group Holografie
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9 Antworten zu Indect Goes On !

  1. Grzegorz schreibt:

    Stop Indect? Why? Security-relevant to clear the sphere of Europe. Fuck! We need Indect!

  2. berni43 schreibt:

    @INW: Habe per interner Mail die Frage zu beantworten versucht. Ähnliche Anfragen bitte nicht öffentlich, sondern nur Kommentare. Danke.

    • inw schreibt:

      Danke für die Mail. Ich denke die Problmatik ist klar. Wenn du willst, kannst du die Antwort von mir gerne als Kommentar hier einstellen.
      Nur welche Anfrage? Und was ist an Kommentaren nicht öffentlich?

      • berni43 schreibt:

        Ich habe inzwischen deine und ein Dutzend Anfragen anderer intern bekommen und beantwortet. Ich wollte nur anmerken, dass hier nur Kommentare abgegeben und keine Fragen über Inhalte des Berichts gestellt werden sollen. Fragen sollten direkt an mich gesendet werden.

        Hab‘ mich wahrscheinlich etwas mißverständlich ausgedrückt, – sorry!

  3. BASTI schreibt:

    Das ist doch klar und logisch: Warum sollte ein rund 15 Mio. € kostendes Projekt nach Ablauf sämtlicher Testphasen nicht sofort gestartet werden? Die Konstrukteure, Organisatoren und politischen Verantwortlichen haben bisher die Wahrheit über den Entwicklungsstand von Indect immer verschwiegen, einige Vermutungen medialer Beobachtungen sogar dementiert. Auf der Internetseite von Indect wird niemals gelogen, aber gut ein Drittel bekannter Umstände einfach weggelassen! Man muss kein Hellseher sein um vorauszusagen, dass Indect 2014 systematisch „on Tour“ ist. Frohe Weihnachten!

  4. inw schreibt:

    Hi,
    bevor ich mir einen Wolf suche, hast du einen direkten Link zu einer Ankündigung?

      • inw schreibt:

        Und wo genau steht das die Bestätigung des Starts vorbehaltlich zum 1. Juli 2014? Das einzige was ich auf der Seite sehe ist, dass das Projekt am 30.6.2014 ausläuft. Eine Bestätigung, dass INDECT dann irgendwo eingebaut/aktiviert wird, sehe ich keine. Das behauptest du aber im Text.

        „Mitte Dezember kam eine Mail aus französischen UNI-Kreisen, […], so dass ein Start vorbehaltlich für den 1. Juli 2014 zu bestätigen ist. […] Den Termin bestätigt inzwischen auch die Internetseite CORDIS.EUROPA.EU und die muss es mit Sicherheit genau wissen.“

        Die Mail kann bzw. muss ich dir glauben, die Bestätigung auf der Website finde ich nicht. Daher die Frage.

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