Das sind doch keine Deutschen!

So ein Public Viewing muss man sich trotz fortgeschrittenen Alters und erwartungsgemäß heftig protestierenden Beinen als alter Mann auch irgendwann einmal reinziehen. Na ja, Fußballfan bin ich noch immer wie vor 60 Jahren, auch wenn meine Liebe zum Fußball zeitweise durch den praktizierten Kommerz völlig zum Erliegen kommt. Es ist mein altes Hirn halt, welches so vieles in Sachen Leidenschaft und Tradition nicht begreifen kann und heute vielleicht auch gar nicht mehr will. Das Thema ist beim Fußball nicht neu. Und auch nicht neu bei den WM-Spielen in Brasilien. Aber ansprechen möchte ich es, mir kribbelt es einfach in den Fingerspitzen. Um was geht es eigentlich? Ganz einfach: Um das Mitsingen der Nationalhymne durch die Nationalspieler. Nicht wenige meckern da!
Nationalhymne
Partie Portugal gegen Deutschland. Vor mir steht eine Garnison von nackten Oberkörpern, gemischten Alters. So zwischen 30 bis 55 Jahren würde ich oberflächlich schätzen. Scheint eine Biker-Truppe zu sein, jedenfalls schließe ich das aus einigen Unterhaltungsfetzen. Durch die Hautbewegungen scheinen sich bei denen auch die tätowierten Schlangen, Drachen, Skorpione und sonstige Fabelwesen in farblich durchaus ansprechender Qualität zu bewegen. Sogar eine Kakerlake grinst mir von einem nackten Rücken herüber. Die ersten Sprüche folgen direkt beim Lauschen der Nationalhymnen vor Spielbeginn:
Die Migranten-Millionäre singen wieder nicht mit! Die spielen nur ihres Marktwertes wegen bei uns mit! Den tunesischen Hüpfer da, den hätte der Schwarzgefärbte sowieso nicht mitnehmen müssen!
Ganz unbewusst schüttele ich den Kopf, lausche der Hymne und starre auf die Gesichter der deutschen Nationalspieler. Dabei fällt mir ein, dass alle unsere Spieler damals in Deutschland 1974 vor dem Finale gegen Holland bei der Nationalhymne geschwiegen haben: Beckenbauer, Breitner, Hoeness, Vogts, Müller & Co. – allesamt schwiegen. Nun, ich habe kein Problem die deutsche Nationalhymne zu singen, auch wenn sie meines Erachtens teilweise durchaus negativ mit der deutschen Vergangenheit beladen ist. Mein Vater war Deutscher, meine Mutter Italienerin, während ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin. Ich verleugne weder das Deutsche, noch das Italienische in mir. Ich kann mir aber vorstellen, sowohl die deutsche wie auch italienische Nationalhymne als Spitzensportler mitzusingen. Auf der anderen Seite kann ich auch nachvollziehen, dass ein Özil als Sohn türkischer Eltern eben nicht mitsingen will. Bei Khedira und Boateng, bei denen beide die Mutter eine Deutsche war, würde mich schon interessieren, was sie tun würden, wenn sie eben nicht für Deutschland, sondern für Tunesien (Khedira) oder Ghana (Boateng) in derselben Situation im Nationalteam stehen und die Landeshymne hören. Ich nehme mal an, auch nicht mitsingen, – oder? Oder zählt der Begriff ‚Vaterland‘ mehr als das öde Wort ‚Mutterland‘ (sofern es dieses überhaupt gibt)? Dann müssen sie singen!
Als Nachkriegskind bin ich zwar deutsch erzogen worden, aber relativ tolerant in Berlin aufgewachsen. Mein Vater handelte zwar sehr preußisch und autoritär, war aber durchaus davon überzeugt, dass sein „alter Herr“ als „alter Fritz“ Recht hatte: Jeder solle nach seiner Fasson selig werden (sofern er nicht dem Staate schadet)!
Wenn ich bei meiner italienischen Verwandtschaft in der Toskana weilte, fühlte ich, das muss ich zugeben, oft mehr italienisch als deutsch. War ich zurück in Berlin mit Schule, Ausbildung und Studium, war ich wieder ein „echter“ Deutscher. Umso mehr fühle ich mich heute als echter Europäer, obwohl bei mir bei so manchen Handlungen unseres EU-Parlamentes echte Zweifel aufkommen.
Die Argumentation von Sami Khedira, man wäre ein „guter Deutscher“, wenn man die Sprache gut spricht und „deutsche Werte“ lebt, finde ich sehr platt. Nach dieser Theorie wären dann viele Kinder deutscher Eltern alles andere als Deutsche. Also, Schwamm drüber! Da hat er wohl zu schnell oder gar nicht nachgedacht!?
Dass Beckenbauer als Trainer in den 80er-Jahren das Mitsingen der Hymne den Nationalspielern vorgab, ist mir noch gut in Erinnerung. Aber ehrlich, diesen Zwang finde ich genauso blöd wie eine totale, intolerante Ablehnung. Besonders entsetzte mich die damalige Äußerung von Jürgen Trittin, als er vor der Annahme seines Ministerpostens meinte, dass er noch nie die deutsche Nationalhymne mitgesungen habe und derartiges auch niemals als Minister tun würde. Aber da er ja unlängst öffentlich wünschte, dass ein Deutschland mit Nationalhymne jeden Tag immer mehr verschwindet und er das auch großartig findet, habe ich ihn nicht mehr ernst genommen. Wie ihn gibt es einige Politiker mehr, die intolerant gegen den Gebrauch einer Hymne vorgehen. Warum eigentlich? Muss man den Teil unseres Volkes verdammen, nur weil sie die deutsche Hymne gerne hören? Das gilt natürlich auch im umgekehrten Sinne.
Ich habe in Berlin 2006 vor der Übertragung eines Matchs beobachtet, wie Jugendliche auf die deutsche Fahne gepinkelt haben. Mit meinen fußballbegeisterten Begleitern fragte ich sie, warum sie das tun? Die Antwort hieß „Deutsches Vaterland, Scheiß-Vaterland, du Motherfucker!“ Und während der TV-Übertragung der deutschen Hymne vor dem Spiel passierte es, dass eine Gruppe ihr Radio aufdrehte und das Dröhnen des Rap-Sounds Put You On The Game alles andere unhörbar machte. Als die Nationalhymne vorbei war, schwiegen auch die Radio-Lautsprecher wieder.
Ich frage mich aber, warum gerade die Südamerikaner mit derartig starker Inbrunst ihre Nationalhymne singen? Ob das daran liegt, dass sie ein anderes Gefühl für Freiheit empfinden? Immerhin gibt es doch kein südamerikanisches Land, das nicht einer Kolonialherrschaft unterlag. Bei den afrikanischen Teilnehmern fällt mir eine ähnlich starke Anteilnahme auf. Ja, eben gerade bei Deutschland nicht. Es hinkt weit hinterher, selbst die Spanier und Franzosen machen das nationalistischer! Ja genau, das ist wohl auch der Grund. Es ist für Deutsche scheiße, national zu denken! Hitler lässt grüßen?
Aber ist Deutschland wirklich so scheiße? Prompt falle ich wieder auf die politische Ebene zurück und erinnere mich an die Worte der grünen Sieglinde im Bundestag 1989: Das Beste wäre für Europa, wenn Frankreich bis an die Elbe reicht und Polen direkt an Frankreich grenzt!
Na ja, lassen wir das. Auch hier, Schwamm drüber! Ob die deutschen Spieler nun die Hymne mitsingen oder nicht, Deutschland hat wahrlich ganz andere Probleme zu lösen. Viel, viel wichtigere …

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Über berni43

Baujahr 1943 ABI 1961 Diplom (Ing) 1965 Studium BWL (PBW) 1981 Prom. 2009 Leitender Dipl.Ing. ab 1971 Freiberuflicher Ing. ab 2008 Promo Holograph Laser-Systems UoC (USA) 2009 Technical Advisor SONY-Group TOKIO 2010 STRAWFISH-Group BERLIN ab 2011 Spezielle Media Holografie/3D ab 2012 Spezialist Kommunikation, Mediator, Schulungsleiter Präsentationen, Technical Advisor Group Holografie
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Eine Antwort zu Das sind doch keine Deutschen!

  1. hildegardlewi schreibt:

    Die systematische Zerstörungsenergie hat ihre Früchte getragen und wirkt noch fort, und Ignoranz, Dummheit und Einfältigkeit gepaart mit Brutalität tun das weitere. Und es gibt keine Figuren mehr, weder in der Politik noch auf anderen Gebieten, die richtungsweisend, klug sind und charismatische Wirkung haben. Positive Vorbilder halt.. Es ist eben ein Sauhaufen. Aber vielleicht ist noch nicht alles verloren. Die Zeit arbeitet für sich. Ob wir das noch erleben werden, ist die Frage. Ich wünsche es mir. Es gibt ja auch positive Erlebnisse. LG 🙂

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