Ein behinderter Weitspringer?

Dass der beinamputierte Sportler Markus Rehm deutscher Meister im Weitsprung geworden ist, betiteln die Medien weitgehend übereinstimmend mit sensationell. Wieso eigentlich? Was ist denn dabei sensationell? Dieser Markus hat meine Sympathie zu dieser Leistung, weil er alles richtig macht. Denn sein Vorteile in Karbon sind gravierend!

MarkusRehm_Springschuhe <- Niemand springt so schlechter!

Er profitiert von einer Regel, die der DLV selbst gemacht hat: Man darf mit „Hilfsgeräten“, die einen Sportler zum „Behinderten“ machen, an Wettbewerben teilnehmen. Erstaunt macht mich nur, welches Regelwerk dieser Genehmigung zugrunde liegt? Der Hinweis der Regelüberwacher: Wer die Norm schafft, darf teilnehmen, ist für mich ein Grund, der gar nicht überzeugt. Dass die meisten Sportjournalisten und auch die Führungsriege des DLV nicht gerade von mathematischen Grundsätzen beseelt sind, sehe ich als normal an. Das liegt nun einmal daran, das sowohl Journalisten, Medienmacher und fast alle Sportfunktionäre aufgrund ihrer Ausbildung überhaupt nicht in der Lage sind, physikalisch-mathematische Grundsätze zu berücksichtigen und in ihrer Weiterbildung wenig Zeit haben, sich im High-Tech-Bereich gründlich umzusehen, geschweige denn, ordentlich zu recherchieren. Doch wo bleiben den die wissenschaftlichen Einwände? Will die niemand hören und will man in der Öffentlichkeit vermeiden, einen „armen, unterschenkelamputierten“ Sportler zu diskreditieren? Ich behaupte, dass schon jeder gute Mathematiker und Physiker beweisen könnte, dass Markus Rehm ohne seine Beinprothese als „gesunder“ Sportler kaum unter die ersten Drei gekommen wäre. Dabei interessiert es mich herzlich wenig inwieweit Markus Rehm seine fehlenden Wadenmuskeln in der Sprungkraft durch die Feder umsetzt. Mich interessiert nur die Sprungkraft der Feder. Da ich diese aber nicht rechnerisch definieren kann, beschreite ich einen anderen mathematischen Weg. Nämlich den der Geschwindigkeit, die notwendig ist, um überhaupt eine Weite X zu erreichen.
Weniger lachhaft, eher beschämend finde ich die Aussage des Vizepräsidenten vom Deutschen Behindertensport, Karl Quade „Ich habe in Biomechanik promoviert und glaube nicht, dass die Prothese im Komplex Weitsprung einen Vorteil darstellt. Seine sportliche Leistung nur auf die Prothese zu reduzieren, ist unseriös. Die Leistung bringt schließlich der Sportler Markus Rehm!“ Oh Gott, der liebe Doktor wird ja hoffentlich wissen, dass Glauben das Gegenteil vom Wissen und dass die Biomechanik ein Bestandteil der Physik ist und sich genau an mathematische Grundsätze hält wie jede andere Naturwissenschaft auch. Natürlich wird die Leistung von Markus Rehm erbracht, aber eben gesteigert mit einer Carbonfeder! Und, wer erinnert sich noch an Pistorius? Die ausgebildeten Biomechaniker sind sich bei ihm mit vielen Gutachten nie einig geworden, ob er mit den Prothesen Vorteile hatte oder nicht. Ich halte von solchen Tests gar nichts. Sind die Ansätze fehlerhaft und vollziehen sie sich unter falschen Voraussetzungen, taugen sie eben nichts. Und dass sie allesamt nichts taugen, zeigen die Gutachten: Das eine sagte Hüh, das andere Hott! Ich tendiere dabei mehr zu den mathematische Fakten hin. Wenn ich aufgrund einer Beinamputation auf Karbonfedern laufe oder springe, dann werde ich mich darauf einstellen, darauf trainieren und meine Lauf- und Sprungtechnik auch nur danach orientieren. Das hat Markus Rehm getan. Sehr gut! Sehr perfekt und durchaus anerkennenswert. Das ändert nichts daran, dass er gegenüber dem „normalen“ Muskel-menschen Vorteile in der Sprungkraft besitzt. Auch dann, wenn andere, zum Beispiel langsamere Zeiten im Anlauf existieren! Das Wie und Wann beim Absprung ist wichtig und effizienter als mit normal-gesunden Kniegelenken und Wadenmuskeln.
Nun, ich habe schon sieben Lebensjahrzehnte hinter mir, sportlich stets engagiert, auf meinen Ehrenurkunden aus der Gymnasialzeit Ende der 50er, Anfang der 60er-Jahre stehen sogar noch meine Ergebnisse: 100 m in 11,8 sec. und Weitsprung 7,47 m. Keine Superwerte, aber immerhin für Schüler im Alter von 17-18 Jahren nicht gerade schlecht. Mich ärgerte, dass es nie schaffte wenigstens 7,5 m weit zu springen, obwohl es mir mit Anfang 20 noch gelang die 100 m auf 11,4 sec zu verbessern. Ursprünglich wollte ich Physik studieren, legte aber dann mein Diplom aus wirtschaftlichen Gründen in Maschinenbau und Elektrotechnik an der TU Berlin ab. So kam mir und meinen Kommolitonen während der Studienzeit die Idee auszurechnen, wie schnell man überhaupt laufen muss, um eine Weite von 7,5 m zu erreichen oder sogar zu übertreffen. Eine lösbare Aufgabe, die meines Erachtens jeder begabte Mathematik/Physikstudent zu lösen imstande ist und uns auch keine Probleme bereitete. Wir brachten seinerzeit wesentliche Daten meines Körpers mit in die Rechnung ein, obwohl diese, wie später festgestellt, das Resultat nur sehr unwesentlich und zum Teil gar nicht beeinflussen.
Das ganze Drum und Dran der Rechnung wird die meisten Leser überfordern, deshalb komme ich klipp und klar direkt zum Ergebnis. Gute Anlauf- und Absprungtechnik vorausgesetzt, muss ein Weitspringer, der die 8 m-Weite mit einem Mindestanlauf von 30 m erreichen will, beim Absprung eine Geschwindigkeit haben, die umgerechnet einem 100 m-Laufergebnis von mindestens 11 sec entspricht. Markus Rehm erreicht aber diese Geschwindigkeit nicht, er schafft auch keine 100 m unter 11 Sekunden. Also auch hier zeigt sich, dass er Vorteile mit technischem Geschick beim Absprung mit einer Carbonprothese besitzt, weil eine höhere Energierückgabe frei wird und seine „Langsamkeit“ beim Anlauf ausgleicht. Das wird meines Erachtens jede echte Analyse einer biomechanischen Untersuchungen auch bestätigen müssen.

Und noch etwas: Prothesen aller Art in High-Tech-Ausführung sind dimensional verstellbar, nicht nur die von Markus Rehm. Warum ist „sein Bein“ mit Prothese länger als sein anderes? Dass er es länger eingestellt hat, kann doch ernsthaft kein Zufall sein. Er hat alle Vorteile dieser Technik ausgenutzt, die der „normale“ Sportler nicht hat.
Ich bin der Meinung, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen, dass sogar in naher Zukunft biomechanischen Untersuchungen gutgerechnet und dass die Entscheidungen auch dem Inklusionsgedanken geschuldet werden. Wenn es so weitergeht, werden die Weltmeister von morgen sämtlich mit Implantaten hochgerüstete Humanoiden sein, die man dann noch als „behindert“ bezeihnet. Nein danke, für mich ist das ein technisches Doping. Alle Sportverbände, auch europa- und weltweit sollten das überdenken. Völlig ohne biomechanische Gutachten. Menschen wird man in nicht allzu ferner Zukunft mit immer mehr „Ersatzteilen“ aus dem High-Tech-Bereich ausstatten, die sowohl biochemisch und physiologisch in vielen Körperteilen dem Angeborenen überlegen sein werden. Beispiel: Eine künstliche Hand drückt heute schon mehr als 500 kp. DLV: Wollen wir sie zulassen?

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Über berni43

Baujahr 1943 ABI 1961 Diplom (Ing) 1965 Studium BWL (PBW) 1981 Prom. 2009 Leitender Dipl.Ing. ab 1971 Freiberuflicher Ing. ab 2008 Promo Holograph Laser-Systems UoC (USA) 2009 Technical Advisor SONY-Group TOKIO 2010 STRAWFISH-Group BERLIN ab 2011 Spezielle Media Holografie/3D ab 2012 Spezialist Kommunikation, Mediator, Schulungsleiter Präsentationen, Technical Advisor Group Holografie
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Eine Antwort zu Ein behinderter Weitspringer?

  1. hildegardlewi schreibt:

    Ich freue mich sehr, auf Deinen Blog gestoßen zu sein. Toller Beitrag, toller Inhalt, toller Stil.
    LG 😀 Lewi

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